Kann eine Bewerbung so einfach sein wie ein Online-Einkauf?
Im Online Shopping zielen Prozesse darauf ab, möglichst einfach und schnell einen Abschluss zu erzielen. Im Recruiting zeigt sich häufig ein anderes Bild. Zusätzliche Hürden, unklare Abläufe und unnötige Zwischenschritte führen dazu, dass Bewerbungen abgebrochen werden – oft noch bevor es überhaupt zu einem ersten Gespräch kommt.
Beim 5. Bontique Lunch & Learn in Zürich haben wir genau diese Diskrepanz diskutiert. Tobias Gees, Leiter Recruiting und Employer Branding bei den Verkehrsbetrieben Zürich VBZ, zeigte anhand konkreter Praxisbeispiele, wie Candidate Experience wirkt, wenn man sie konsequent aus Sicht der Bewerbenden gestaltet.
Aus dem Austausch sind fünf Erkenntnisse hervorgegangen, die besonders hängen geblieben sind. Nicht als theoretisches Modell, sondern als pragmatische Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des eigenen Recruiting Prozesses.
1. Jeder zusätzliche Schritt erhöht die Abbruchquote
Im Online Shopping ist die Logik klar: Jeder zusätzliche Schritt senkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Prozess abgeschlossen wird. Diese Logik lässt sich direkt auf das Recruiting übertragen. Unübersichtliche Stellenanzeigen, zu viele Pflichtfelder oder eine Registrierung vor der eigentlichen Bewerbung erhöhen die Abbruchquote und reduzieren die Zahl abgeschlossener Bewerbungen.
Die VBZ hat ihren Bewerbungsprozess deshalb bewusst vereinfacht. Statt alles auf einmal abzufragen, wird nur erhoben, was für den ersten Schritt wirklich notwendig ist.
2. Candidate Experience umfasst die gesamte Reise
Candidate Experience beschränkt sich nicht auf den Moment der Bewerbung. Sie beginnt beim ersten Kontakt mit der Arbeitgebermarke und wirkt bis weit über den Entscheid hinaus. Der Eindruck auf der Karriereseite, Tonalität und Tempo der Kommunikation, die Klarheit im Ablauf, Rückmeldungen nach Gesprächen – und auch die Art der Absage – prägen nachhaltig, wie ein Unternehmen wahrgenommen wird.
3. Transparenz reduziert Unsicherheit und schafft Vertrauen
Ein Punkt, der im Lunch & Learn immer wieder zur Sprache kam: Bewerbende möchten früh verstehen, worauf sie sich einlassen. Transparenz ist dabei kein Nice-to-have, sondern ein zentraler Faktor, um Unsicherheit abzubauen und Abbrüche zu vermeiden.
Die VBZ setzt deshalb auf klare Informationen zu zentralen Fragen im Bewerbungsprozess:
- Lohnband, damit Erwartungen von Anfang an geklärt sind
- Ablauf, welche Schritte folgen und was als Nächstes passiert
- Zeithorizont, wie lange Entscheidungen typischerweise dauern
4. Vereinfachung bringt Tempo für beide Seiten
Besonders eindrücklich war der Blick auf den Bewerbungsprozess im Fahrdienst, der traditionell viele Schritte umfasst. Durch digitale Prozessschritte und vereinfachte Terminbuchungen konnte die VBZ Wartezeiten reduzieren und Abläufe beschleunigen. Das spart Ressourcen auf beiden Seiten und erhöht gleichzeitig die Verbindlichkeit im Prozess.
5. Der Perspektivwechsel ist der eigentliche Hebel
Das zentrale Fazit des Mittags ist klar: Erfolgreiches Recruiting wird besser, wenn es konsequent aus Sicht der Bewerbenden gestaltet wird. Menschen vergleichen Erfahrungen, nicht nur Inhalte. Sie entscheiden auch danach, wie klar, fair und wertschätzend sich ein Prozess anfühlt.
Fazit: Klarheit schlägt Komplexität
Recruiting wird nicht besser, wenn es komplizierter wird. Es wird besser, wenn es einfacher wird.